Tokio Turniersport

Tokio... Pferde... Tierquälerei. Die Pferdewelt erbebt aktuell wieder sehr deutlich. Ich habe gestern gegrübelt, ob ich etwas dazu schreiben möchte. Dann las ich Kommentare in Social Media und entschloss mich dazu etwas dazu zu sagen. Was in Tokio passierte, war nicht nur Tierquälerei, sondern auch ein Beispiel dafür, daß wir zwingend ein Umdenken in der Welt der Pferde brauchen. Es braucht dringend einen geldunabhängigen Notausschalter in Pferdewettkämpfen, egal in welchem Bereich. Das Klingeln bzw. disqualifizieren kam in der Vergangenheit in drastischen Fällen oft zu spät. Warum setzt man nicht noch einen unabhängigen Pferdepsychologen (mit High-End-Kamera zur genauen Beurteilen) und einen tierphysiotherapeutischen Tierarzt mit dazu? Man möchte ja Pro-Pferd sein, dann aber bitte richtig.

 

In jedem Pferdesport gibt es glänzende Beispiele und schwarze Schafe. Was ich mit einem Notausschalter meine? Es gibt mittlerweile deutlich bezeichnete Signale, die Pferde bei Unbehagen und blanke Panik zeigen. Es sollte direkt abgebrochen werden, wenn man solche Signale erkennt und nicht noch lange abwarten. Man hat sich über die Zeit daran gewöhnt, weg zuschauen. Auf dem Abreiteplatz, in den Trainingshallen, im Gelände oder auch während des Tuniers. Es geht nicht nur bei Olympia so einiges richtig schief, auch im Alltag und bei Kundenställen sehe ich tagtäglich vieles fragwürdiges und tierschutzrelevantes.

 

Hier ein paar kleine Beipiele: Es ist normal geworden, von einem Pferd 10-30 Minuten am Stück, die selbe Haltung abzuverlangen. Ich frage mich allein anatomisch die das funktionieren soll. Das sind auch leider oft die Tiere, mit den „wohlgeformten Muskeln.“ Ich frage dann meist nach wie sich ein gut gebauter Muskel von einem hypertonen Muskel unterscheidet. Und leider kommen hier häufig immer die selben Antworten: Er ist groß und kräftig. Leider fehlt es oft an Augen- wie auch Fühltraining vom Reiter. Da werden Ausbinder als „Hilfe“ benutzt und sind leider oft eher Schadensbringer als eine Hilfe. „Schwierige Pferde“, unwillig, bockig, schlecht gelaunt, zu tempramentvoll, langsame oder auch schlechte Pferde sind häufig ein Resultat aus zuvor ignorierten Hilferufen der Pferde. Man möchte das Pferd satteln und bekommt hier schon eine Abwehrreaktion? Wie soll dann alleine das Reiten funktionieren? Der Mensch muss viel früher hin hören und auch zu hören wollen. Leider werden viele Pferde auch einfach nicht verstanden und es wird einfach drüber gebügelt.

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.

In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.

In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.

 

Viktor Frankl

Wenn ich eine Gerte zum antreiben brauche, muss ich hinterfragen warum. Warum reicht die Motivation vom Partner Mensch nicht alleine? Und ich rede hier ganz deutlich nicht von den Gerten zum anzeigen und deuten. Sondern von denen, die ich noch eine Stallgasse weiter auf dem Pferd knallen höre. "Er hat heute einfach keine Lust, der muss man immer Feuer machen, hau drauf und der ist einfach so". Gerade Pferde sind so feinfühlig, dass selbst ein schlechter Gedanke vom Tierhalter reicht, dass das Pferd keine Interesse am Tierhalter hat. Das Mindset ist so wichtig in unserer Kommunikation, mit den Tieren und der Grundstein einer vertrauensvollen Kommunikation. Was genau meine ich mit Mind-Set? Denkweisen, Überzeugungen,Verhaltensmuster beziehungsweise die innere Haltung gegenüber Pferden. Das alles bildet unser inneres Mindset. Wenn hier noch nie dran gearbeitet bzw mal sich einfach Gedanken dazu gemacht wurde, ist es für die Pferde sehr schwer ihren Reiter zu verstehen.

 

Was lief also in Tokio schief? Eine Reiterin die ihre Gefühlswelt und Mindset nicht im Griff hatte, Pferde die geschlagen werden, eine überforderte Trainerin mit fragwürdigen Ansichten und Methoden, Pferde sollen einfach fremde Menschen die Adrenalin geladen sind, einfach so auf dem Rücken akzeptieren und folgen? Allein solche Vorgaben lassen mich hinterfragen. Dann sollen sie eine Leistung bringen mit Menschen, die sie vorher noch nie, oder kaum kennen lernen dürften? Jeder Mensch ist anderst in seiner Körpersprache, Temprament, Gestik und Kommunikation. Leistungssport egal in welcher Art und Klasse, ist natürlich immer mit einem enormen Druck verbunden. Man bereitet sich Jahre und Monate intensiv vor, feilt an jeder Gestik, die Technik, eigene Kondition, Absprungtechnik etc. Es ist ein enormer Anspruch an Pferd und Reiter. Und jetzt nochmal ein kurzer Fakt, Pferde sind Fluchttiere.

 

Sie ertragen einen enormen Druck, nur in kleinen Dosen wenn eine Instabilität in der Gruppe herrscht, oder ein neuer Leithengst dazu kommt, ein Raubtier sie jagt oder auch Stresssituationen. Wenn man also mit solchen Tieren auf ein Turnier möchte, braucht es eine lange Vorbereitungszeit. Gewöhnung an den Druck, die Geräusche, die Umgebung, den Reiter der selbst Nervosität mitbringt und sein eigenes Mindset, was auch das Pferd beeinflusst. Dazu kommt noch der körperliche Anspruch, die Kondition, die Technik, die Kommunikation zwischen Pferd und Tier die sehr gut funktionieren muss. Ich denke man versteht was ich meine. Wenn man Turniere Pro-Pferd angehen möchte, ist es eine große Herausforderung und eine Menge Arbeit. Und dann kommt noch ein weiterer sehr wichtiger Faktor mit dazu: Nicht jedes Tier und auch nicht jeder Mensch, ist für Tuniere gemacht. Diesen Druck, ein stabiles Mind Set und auch jederzeit entspannt zu bleiben, liegt trotz Training leider nicht jedem.

Es gibt keinen perfekten Reiter.

Nur ein perfektes Team.

 

-Unbekannt-

Im Alltag sehe ich leider oft gestresste Pferde, unter Zwangsmaßnahmen trainieren, da der Fokus leider nicht auf die Kommunikation, sondern auf die Funktionalität gelegt wird. Es gibt durchaus viele Mensch-Pferd Duos die super zusammen harmonieren und bei Turnieren gerade zu durchschweben. Dennoch fehlt vielen Menschen die Geduld mit sich selbst und den Tieren. Dazu kommt dann noch das liebe Geld und der Druck des Jobs dahinter. Pferde die aus dem Leistungssport kommen und Pferde die oft Tunier gehen, haben oft Probleme mit Vertrauen, innere Ruhe, Sicherheit vom Menschen aus, natürliche Schlafphasen werden oft durch Traumata unterbrochen. Die körperlichen Probleme wie Bänder- und Sehnenrisse, Nervenschäden, Knochenbrüche, Muskelan- wie abrisse, wie auch massive Verdauungsprobleme, gehören manchmal schon fast zum Standart. Natürlich ist hier nicht jedes Pferd betroffen. Es ist aber eine mentale, wie körperliche Forderung, wofür die Pferde von Natur aus nicht geschaffen wurden. Natürlich kann man die körperlichen Herrausforderungen antrainieren, dennoch ist es keine Selbstverständlichkeit. Ich wurde am Anfang meines Jobs mal gefragt, was ich machen würde, wenn es meinen Job nicht mehr braucht. Darauf hin war meine Antwort ganz klar: Dann arbeite ich anderst mit Tieren und helfe Ihnen, da wo Hilfe benötigt wird. Und wenn die Tierwelt gar keine Hilfe mehr brauchen sollte, werde ich doch noch mein Humanphysio nach machen. =)

 

Solange es Pferd und Reiter gut geht, beide richtig Spaß haben und gesund sind, spricht nichts gegen Sport der hohen Klassen, dennoch darf keiner der oben genannten Punkte vernachlässigt werden. Unsere Tiere brauchen unsere Unterstützung und auf die Gefahr hin, wegen diesem Beitrags Kunden zu verlieren: Ich arbeite immer Pro-Pferd. Das bedeutet auch klar respektvoll auszusprechen, wenn ich bemerke, dass es den Pferden nicht gut geht. Und aktuell schaue ich mir, nicht mehr viele Tuniere an, es wird viel zu viel weggeschaut und bewusst wegen des Geldes/Sponsoring ignoriert. Die Pferde rufen nach Hilfe und bekommen nicht viel zurück. Der Mensch entfernt sich immer weiter von der Natur. Es braucht immer intensivere/kräftigere Heilungsmethoden, immer mehr Möglichkeiten und immer mal was „Neues.“ Anstatt zu hinterfragen, wie es zu so einem Schaden kam und ob man ihn nicht hätte vermeiden können.

 

Es gibt eine Sorte Anrufe, bei denen ich nicht sicher bin, wie ich regaieren soll. Am liebsten würde ich gerne direkt kommentarlos auflegen: „Ich fahre am Wochenende aufs Tunier und sie hätten jetzt drei Tage Zeit, ihn wieder reitbar zu machen.“ Sind die Gesichtszüge gerade entglitten? Nein? Ok hier kommt noch einer: „Hätten Sie nächste Woche Zeit sich mein Pferd anzuschauen? Ich frage nach worum es geht…Er lahmt schon seit fünf Wochen und der Ta war vor zwei Tagen da.“ Genau solche Situationen machen einem den Job nicht einfach… Es spricht nichts dagegen 2-4 Tage, bei einer leichten Taktunreinheit zu warten, um zu schauen wie es sich entwickelt.

Dennoch sollte bei einer Lahmheit ein Tierarzt ran und genau nachschauen was Sache ist. Genau solche Situationen lassen einen grübeln, wo die Reise denn noch hingehen soll. An welchem Punkt dreht der Mensch, auch im Sport ab und bemerkt, dass das einzelne Seelen sind. Leben wie du und ich, die dort zu absoluter Höchstleistung getrieben werden, oft ohne sie ausreichend vorzubereiten. Ich möchte nicht mehr zu den Tiertherapeuten gehören, die Schweigen und wegschauen, sondern dazu beitragen, dass sich etwas drastisch verändert. Wir sind es der Tierwelt schuldig.

 

 

Bewusstheit und Achtsamkeit dem Pferd gegenüber und auch mal genau hinzuhören. Sich auch mal in das Tier zu versetzen und reinzufühlen. Es spricht keiner davon, das Pferd zu übermuttern, aber einem Pferd mit Hängertrauma auch mal die Zeit zu geben, dass er braucht beim einsteigen und nicht noch mit der Gerte, die Hintehand blutig zu schlagen. Pferde möchten unsere Zeit und Respekt. Dann kann es doch so sein, wie man es sich erträumt. Und eigentlich macht der Mensch es ja nur aus einem Grund: Zeit mit dem wunderbaren Partner Pferd. Also sollte doch das Wohlergehen an aller erster Stelle stehen. Ihr möchtet darüber reden? Gerne in den Kommentaren.

 

Ich wünsche euch noch einen schönen Sonntag.