Vergleich Humanphysio/Tierphysio

Im Grunde genommen geht es um die selbe Materie. Die Bewegung mit allem was dazu gehört. In der Pferdewelt ist die Kombination nicht mehr wegzudenken. Ein guter Reiter weiß, dass die Leitungsfähigkeit des Pferdes auch mit der eigenen Körperfitness zusammenhängt. Dementsprechend entstehen oft Vergleiche zwischen Human- und Veterinärphysiotherapie. In diesem Beitrag möchte ich über die größten Unterschiede erzählen.

 

Der erste Punkt ist relativ simpel, bringt aber einige Tücken mit sich: Die Kommunikation mit dem Patienten und dem Tier. Ein Humanphysiotherapeut hat mehr Möglichkeiten genau zu analysieren, womit der Mensch Probleme hat. Er kann mit ihm sprechen, gezielt nachfragen, genau erläutern wann welche Beschwerden auftreten und wie lange sie anhalten. Wobei es auch ganz klar Menschen mit wenig Körpergefühl gibt, die ihre eigenen Probleme nicht bemerken ;) Zurück zum Tier: Ein Tiertherapeut hat es da wesentlich schwieriger, das Tier kann in erster Linie nicht auf unseren Kommunikationswegen sprechen. Das bedeutet aber nicht, dass wir Therapeuten keine Möglichkeiten haben, herauszufinden wo die Probleme liegen. Die Mimik im Gesicht, Verhaltensauffälligkeiten, Muskelzucken, Gesamtzustand des Exterieurs, Nerventests, Gelenkstests, Ganganalysen in allen Varianten und auch das Befragen des Tierbesitzers. Ja wir sind eine Art Detektiv am Tier. Wir nehmen jeden Hinweis, jede Beobachtung, jedes Video und Bild (mit bekannten Einschränkungen) gerne zur Hand, um uns einen Überblick zu verschaffen. Dies ist einer der Gründe warum wir den Tierbesitzer eine Menge unterschiedlichster Fragen stellen. Wir sind zum großen Teil auf deine Beobachtungsgabe angewiesen.

 

Gerade Pferde, Kompensationskünstler der Champions League, verstecken solange ihre Beschwerden, bis es für sie nicht mehr aushaltbar ist. Und ja meistens auch schon beim Physiotherapeuten. Ich kenne es noch aus meinem ersten Job, Dülmener Wildpferd: beim Tierpfleger stocklahm und kaum kommt der Tierarzt um die Ecke, fast ein perfektes Gangbild. Das machen Fluchttiere nicht um Dich zu ärgern, sondern um sich ursprünglich vor Raubtieren zu schützen. Das Tier was am meisten Defizite zeigt, wird gejagt. Was ich damit sagen möchte, ist einfach zusammengefasst: Erzählt alles was euch aufgefallen ist, oft sind es die kleinen Dinge die den Therapeuten aufhorchen lassen. Wann haben die Beschwerden wirklich angefangen? Wirklich erst vor einer Woche oder doch schon ein halbes Jahr. Solche Angaben sind essentiell für eine optimale Behandlung. Der Physiotherapeut (human) lernt in meinen Augen anatomiebedingt mehr Tests, da der Mensch viel feiner eingeteilt werden kann. Was der Humanphysiotherapeut an Tests bedeutend mehr lernt, muss der Tiertherapeut in Körpersprache und Mimik mehr erkennen. Er muss Schmerzen und Kompensation nur mit dem Auge und mit Tests aufspüren und kann nicht bzw. über Reflexe bedingt nachfragen.

Ein weiterer Punkt der auch oft in Vergessenheit gerät: Humanphysiotherapeuten machen ein Staatsexamen und büffeln drei Jahre in der Schulbank mit ordentlicher Abschlussprüfung die es in sich hat. Anschließend haben sie die Möglichkeit in einem Jahr den Bachelor zu absolvieren. Tiertherapeuten sind staatlich nicht anerkannt, natürlich gibt es in den meisten Kursen und Studien auch Abschlussprüfungen und Facharbeiten, dennoch sind die meisten Kurse noch nicht so intensiv, wie in der Humanphysiotherapie. Das liegt aber auch daran, dass die meisten Therapeuten das Studium/Ausbildung neben ihrem Hauptjob machen. Jahrelang die Schulbank drücken, ohne Hauptjob nebenbei ist eine echte Herrausforderung. Die meisten Kurse sind als Wochenendseminare aufgebaut. Also unter der Woche Webinare/Onlinelektionen o.ä. und am Wochenende Präsenzseminare. Was in erster Linie kein schlechtes System ist, dennoch muss man selbst zuhause die Motivation haben, sich hinzusetzen und zu büffeln. Alles für das Wochenende vorzubereiten und zu üben, es ist schon eine Art Fleißarbeit. Wenn man dann noch Familie, Partner, Hauptjob, Tiere und so etwas wie ein Privatleben managt, ist man schnell am straucheln. Natürlich muss man als Humanphysio auch eine ganze Menge büffeln, dennoch hat man meistens seinen Kopf in der Aubsildung und kann sich darauf konzentrieren. Allerdings muss man im Veterinärbereich alles aus eigener Tasche zahlen. Es gibt kaum eine Unterstützung oder nur sehr bedingt.

 

Dadurch das der Humanphysiotherapeut stattlich anerkannt ist, gibt es größtenteils einheitliche Prüf- und Ausbildungsrichtlinien (Ländersache). Man kann sich also zum Großteil darauf verlassen, dass Therapeuten aus Nord- und Süddeutschland die selben Therapiemuster verfolgen. Im Tierbereich sieht es da leider ganz anders aus. Die Ausbildungen sind kaum aufeinander abgestimmt: Von einem halben Jahr bis 3 Jahre Ausbildungszeit, ist alles möglich. Und leider sind hier auch bereits große Defizite zwischen den Schulen festzustellen. Viele Schulen arbeiten bereits auf, dennoch wird noch viel zu konkurrenzartig gegeneinander gearbeitet. Ich hoffe das es in naher Zukunft eine einheitliche Ausbilung geben wird, dennoch hat beides seine positiven und negativen Seiten. Wenn es vereinheitlicht wird, fällt meist etwas hinten runter, aber meistens kommen auch Ausbildungsinhalte dazu, die andere Schulen noch nicht hatten.

 

Der folgende Punkt ist wirklich oft Diskussionsstoff bei einer Behandlung: 70 Euro für eine Stunde am Pferd? Natürlich klingt das erstmal nach viel Geld, aber jetzt mal ganz nüchtern betrachtet: Die Ausbildung, Arbeitserfahrung, Arbeitsgeräte, Arbeitszeit, Arbeitsmaterialien und das Auto, es kostet alles nunmal auch Geld. Als kleines Beispiel möchte ich meine Preisspanne kurz erläutern. Die manuelle Behandlung, Tape, Nadeln, LL-Laser, Arbeitsgeräte, Dokumentation und auch die Therapiepläne sind im Preis inklusive. Die Fahrtkosten kommen individuell dazu und werden nach gefahrenen Kilometern berechnet. Ein kleiner Vergleich zur Humanphysiotherapie. Ein Rezept mit 6x Krankengymnastik (15-20 min) kommt aktuell bei den meisten gesetzlichen Krankenkassen auf 126,66 €. (Diese seltsamen Preise kommen via Preistabelle der Krankenkassen). Darin enthalten sind 6x 20 Minuten insgesamt. Also in die Kabine reinlaufen, aus- und anziehen, Behandlung ansich, Termine ausmachen und oft noch einen Bericht schreiben inklusive Dokumentation. Theoretisch muss das alles in 20 Minuten passieren. Viele werden jetzt ein wenig Axismobilisation betreiben und den Kopf schütteln. So wird es aktuell von den Krankenkassen vorgegeben. Also hat der Therapeut insgesamt, wenn es hoch kommt 15 Minuten um ein vom Arzt bereits mehr oder weniger vordiagnostiziertes Problem zu behandeln.

 

Ehrlich gesagt reicht es den meisten Therapeuten nicht und es entsteht Frust auf beiden Seiten. Der Therapeut möchte seinen Job ordentlich machen, der Patient möchte umfassend und gründlich behandelt werden. Humanphysiotherapeuten sind an Rezepte gebunden, ohne Zusatzausbildung zum sektoralen Heilpraktiker, darf ein Humanphysiotherapeut keinen Patienten behandeln. Ob zu wenig verschrieben wird und insgesamt zu wenig dort passiert, ist ein anderes Diskussionsthema. Hier haben zeitlich eindeutig die Tiertherapeuten den Vorteil. Wir können uns die Zeit nehmen, die das Tier braucht, also den Körper in seiner Gesamtheit behandeln, jedes Problem aufspüren und abarbeiten. Allerdings springt hier keine Krankenkasse ein, die die Kosten übernimmt. Es gibt mittlerweile Tierkrankenversicherungen die unter gewissen Vertragsabschlüssen, solche Kosten übernehmen. Dennoch muss man die AGB´s genaustens studieren, da die Kosten meistens reglementiert sind. Es hat alles seine Sonnen- und Schattenseiten. Was also ein Physiotherapeut in 6x20 Minuten abarbeiten soll, passiert beim Veterinärphysiotherapeuten frei eingeteilt (je nach schwere der Erkrankung und Habitus des Tieres) und nicht aufgeteilt in 3 Wochen a 2x 20 Minuten. In so einem Zeitrahmen ist es schwer, auf alle Probleme des Patienten einzugehen.

 

Wann genau sollte der Patient, egal ob Mensch oder Tier zum Therapeut? In der Humanphysiotherapie entscheidet das der Arzt oder Orthopäde. Im Tierbereich können es die Tierärzte vorgeben/empfehlen, dennoch kann der Tierbesitzer komplett alleine entscheiden. Der Humanpatient braucht immer ein Rezept. Auf der einen Seite ist das von Vorteil, da der Patient immer beim Arzt war und eine Untersuchung im Vorfeld stattgefunden hat. Auf der anderen Seite, sind die Ärzte auch eingeschränkt, was ihr Budget von den Krankenkassen angeht. Somit kann es auch vorkommen, dass es mal kein Rezept gibt obwohl es gebraucht werden würde. Der Tierbesitzer kann immer selbst entscheiden wann eine Behandlung notwendig ist, sollte dementsprechend handeln und muss die Leistung aus eigener Tasche ohne Krankenversicherung zahlen.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass beide Seiten ihre Vor- und auch Nachteile haben. Man sollte immer abwägen, ob die Therapie beim Tier notwenig ist oder ob es zuvor nicht mit dem Tierarzt abgestimmt werden sollte, dass erst eine Untersuchung mit entsprechender Empfehlung stattfindet. Ich kann es sehr gut verstehen, dass man an manchen Ecken Geld sparen möchte, und man schon entsprechende Erfahrungen gesammelt hat. Allerdings sollte man nicht an der Gesundheit sparen, egal ob Mensch oder Tier. Ich hoffe ich konnte die offenen Fragen klären und falls Du noch Fragen haben solltest, kommentiere das gerne unter dem Beitrag. Gehörst du zu den Kollegen und vermisst etwas in diesem Beitrag, schreib mich an, und ich ergänze es gerne. Ansonsten wünsche ich Dir noch einen schönen Sonntag.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0