Alles hat seine Grenzen

Weltmeisterschaften in Tryon, North Carolina. „Distanzritt in Tryon, ein Faß ohne Boden.“ „Ein totes Pferd, 53 Pferde in der Klinik.“ „Mehr als die Hälfte der Pferde in der Klinik, viele wurden gar nicht erst zum Ritt frei gegeben."

Solche und ähnliche Schlagzeilen liest man aktuell über die Weltmeisterschaften im Distanzritt Tryon. Aber auch in anderen Bereichen lief es nicht gerade rosig und vorbildlich. Natürlich könnte man damit argumentieren, dass Tryon es schwer hatte alles auf die Beine zu stellen. Nachdem von drei geplanten Hotels, nicht mal ein Hotel seine Türen öffnen konnte. Wohlbemerkt stehen laut Medien nur die Fundamente. Es könnte sich der Eindruck einschleichen, dass mal wieder zu groß geplant wurde. Zuviel verlangt wurde, schlichtweg zuviel Geld auf dem Spiel stand.

 

Aber zurück zu den Pferden. Wenn bei einem Turnier oder bei Meisterschaften ein paar Tiere die Vorschriften nicht erfüllen, waren sie nicht genug vorbereitet oder gesundheitlich sowieso angeschlagen. Es kann durchaus dazu kommen, dass Tiere ausfallen. Aber mehr als die Hälfte? Da frage ich mich schon, wie es zu solchen Zahlen kommen kann. Wir reden statistisch von mehr als 50 %! Da fängt meine Wenigkeit nicht mehr an von „zu wenig Training“ oder "zu gesundheitlich angeschlagen“ zu denken, sondern eher an die anatomische Belastungsgrenze. Wenn eine Großzahl der Individuen, an ihre Grenze kommen ist Schluss, alles darüber hinaus ist Tierquälerei.

 

Was ich unter der anatomischen Belastungsgrenze verstehe, ist ganz einfach. Jedes Säugetier auf diesem Planeten, auch der Mensch, hat eine natürliche Belastungsgrenze. Diese kann durchaus nach oben trainiert werden. Das beweisen tagtäglich viele Hochleistungssportler und auch Athleten. Aber auch hier sind dem Körper Grenzen gesetzt. Wir können nicht spontan zu „Hulk“ mutieren und das 10-fache an Leistung abrufen. Warum kommt es wohl ab einer gewissen Grenze immer mehr zu Verletzungen? Weshalb bekommen Pferde im Hochleistungssport, sehr oft immer die gleichen Erkrankungen? Es gibt eine Grenze, die im Sport schon lange erreicht ist. Sei es im Pferde- oder Hundesport.

 

Ich bezweifle sehr stark, dass sich viele bewusst machen, wozu ihr Tier eigentlich fähig ist. Natürlich sind unsere Pferde heutzutage keine Przewalski-Pferde (oder auch andere Wildpferde) mehr. Diese wurden durch die Domestikation komplett verändert. Aber anatomisch gesehen, gab es keine großen Mutationen, die ein Pferd dazu bringt mal kurz 160 km aus dem Stand zu laufen, auch nicht mit viel Training. Die Pausen eines Distanzrittes machen es nur bedingt erträglicher. Die Natur sieht vor, dass Tiere mit niedrigstem Energiegehalt auskommen. Es wäre Energieverschwendung 160 km für nichts durch die Gegend zu laufen. Für ihre Nahrungsgebiete müssen sie natürlich große Wege hinter sich bringen, aber nicht solche Weiten, in solch einer Geschwindigkeit. Selbst wenn ein Raubtier sie jagt, werden nicht solche Strecken gelaufen.

 

Es gibt einige Gründe warum ein Tier dazu gebracht wird, so massiv über seine eigene Grenze zu gehen. Das Ego und der Geldbeutel der Besitzer. Mit Tierliebe haben solche Veranstaltungen, in meinen Augen, wenig zu tun. Warum müssen den immer Pausen gemacht werden? Warum muss ein Pferd immer abgeduscht werden? Warum die Pferde mit starken Kreislaufproblemen weitertreiben und kurz vor der nächsten Pause langsamer machen, dass es dem Veterinär nicht auffällt? Kein Pferd der Welt würde freiwillig solche Distanzen, in so einem Zeitrahmen laufen. Mir ist es unerklärlich wie man als Mensch so respektlos, seinem Tier gegenüber sein kann. Die Pferde sind sichtlich nicht mehr in der Lage, diese geforderte Leistung zubringen. Warum muss es denn immer mehr sein? Warum kann der Mensch nicht einfach glücklich damit sein, eine Seele von Pferd an seiner Seite zu haben? 99,5% der Pferde auf dieser Welt sind friedliche Lebewesen. Sie brauchen diesen Wettbewerb nicht. Tierhalter sollten sich überlegen, warum Pferde immer weiter getrieben werden müssen. Warum muss es immer ein Wettbewerb sein? Ich finde es sehr bedauerlich, wie im Stall immer duelliert wird. Es könnte wirklich der Verdacht entstehen, dass Mensch die Gesundheit des Pferdes egal ist.

 

Die Menschen sollten anfangen nachzudenken. Wenn Pferde abgekühlt werden müssen, weil sie sonst überhitzen, da es sonst zu warm ist, sollte es doch mal Klick machen. Vielleicht ist es dann einfach zu warm und der falsche Landstrich. Wieso müssen Turniere im Sommer in der brühenden Mittagshitze stattfinden? Klar keiner möchte nachts reiten, aber wieso nicht einfach früh morgens zum Wohle des Tieres? Natürlich müsste man einiges umstrukturieren, aber bevor ich mit einem Pferd im Sommer (ab 25°C) auf ein Turnier fahre, bleib ich lieber zuhause. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass vieles aus Gewohnheit gemacht wird. Klar wir sind Gewohnheitstiere, selbst die Pferde, aber aus Gründen wie „das war ja schon immer so“, „warum sollte man es verändern“ und „weißt du was das für ein Aufwand wäre“ wird einfach nichts verändert. Es könnte unangenehm werden. Und das meiden wir Menschen vehement. Wie oft schlage ich Tierhaltern Veränderungen/Übungen vor, um dem Tier besser zu helfen und bekomme zu hören das dafür keine Zeit wäre. Keine Zeit fürs Tier? Traurig! Ich frage mich auch, warum man immer weiter, immer höher und immer schneller werden muss? Wir haben es hier mit Lebewesen zu tun, die den Menschen meistens lieben und achten. Sie vertrauen ihrem Reiter bedingungslos, werden aber zu Leistung getrieben, die sie selbst nie anstreben würden. Warum gibt es so oft Ausfälle auf Turnieren, Veranstaltungen und Meisterschaften? Warum muss Mensch so mit der Gesundheit des Pferdes spielen? Pferde fühlen genau wie wir, empfinden wie wir und bekommen noch schneller Angst als wir!

 

Auch ein oft gehörte Sätze: „Der hat nur keine Lust“. „Der stellt sich nur an“. „Das dauert mir zu lang mit der Behandlung“. Wenn man aber mal selbst eine fiese Sehnenscheidenentzündung hat, geht’s nicht schnell genug zum Arzt. Da müssen sofort alle parat stehen und Schmerzmittel fliegen nur so durch die Gegend. Man sollte sich mal  bewusst machen, warum man manche Sachen so tut und wie man sie tut. Warum braucht es den Trense, Nasenriemen, Kandare und Co? Weshalb nicht mal intensiv überlegen, warum ein Pferd das nicht machen möchte? Unwille? Wohl kaum. Die meisten Pferde sind sehr wohl gewillt, viel Zeit mit ihrem Besitzer zu verbringen, aber Pferde wissen sehr wohl, was ihnen gut tut und was nicht. Und wenn ein Pferd sich dennoch gegen den Willen des Reiters lehnt? Naja genügend Zwangs- *reusper* Hilfsmittel bietet der Markt zu weilen. Das bedeutet für mich nicht, dass alle Hilfsmittel verpönt sind, aber Hilfsmittel sind nur so gut wie ihr Benutzer und dessen Wissen. Und wenn ich sehe wie frustrierte Reiter im Maul von Pferden rumreißen, nur weil des Reiters eigene Frustrationsgrenze es nicht erträgt, das Pferd länger braucht wie er, wird mir ehrlich gesagt, speihübel.

 

Auch eine sehr beliebte Aussage, die ich oft zu hören bekomme: „Ich kann ihn nicht ohne Halfter holen!“ „Der bleibt nicht ohne Trense stehen“. Da frage ich mich meistens schon, was an der Beziehung Pferd Mensch falsch läuft. Witziger weise bleiben solche Pferde aber ruhig stehen, sobald Tierbesitzerin kurz nochmal wegmuss und ich mit unangebundenem Pferd meine Arbeit erledigen kann. Natürlich sind nicht alle so, es gibt viele Pferdehalter die einen grandiosen Job machen und mir mit glücklichen Pferden entgegen kommen. Das bedeutet aber auch eine Menge Arbeit.

 

Allerdings fällt mir in letzter Zeit einfach dieser massive Leistungsdruck auf, egal in welcher Reitweise. Ich denke auch, dass es viele nicht besser wissen. Warum nicht einfach mal eine Runde zusammen spazieren gehen? Warum nicht mal Freiarbeit versuchen? Weshalb nicht einfach mal die Zeit mit seiner Seele Pferd genießen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob das Pferd für das nächste Turnier genug vorbereitet ist? Und um es noch einmal zusagen, ich bin nicht komplett gegen Turniere. Es hat ja durchaus seinen Reiz, sich mit anderen zu messen. Oder mit dem eigenen Pferd eine Turnieraufgabe zu reiten, aber alles im Rahmen der Pferdegesundheit und nicht auf biegen und brechen, das Pferd zum Olymp treiben. Den eine Sache ist auch klar: Bis ein Olympiasieger entsteht, bleiben meist vier Pferde davor auf der Strecke.

 

Ich wünsche noch einen schönen Tag und hoffe, ich konnte den einen oder anderen zum Nachdenken anregen.

Magda Schorn